Gläserner Christbaumschmuck aus Lauscha

Christbaumschmuck aus Lauscha

Der gläserne Christbaumschmuck kam in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf: Der Überlieferung nach war es ein armer Glasbläser aus Lauscha im Thüringer Wald, der nicht das Geld hatte, Äpfel und Nüsse zu kaufen, um sie an den Weihnachtsbaum zu hängen. Er hatte aber noch Glas, und so formte er Äpfel und Nüsse aus Glas. Hierfür brauchte er Formen, die aus der Produktion von Perlen und Accessoires für Hut- oder Tischschmuck vorhanden waren. Die ersten Früchte aus Glas waren deswegen wohl sehr klein. Bald wurden im Thüringer Wald auch gläserne Kugeln hergestellt, die einzeln oder auf Ketten aufgezogen, den Weihnachtsbaum schmückten.

Zwei technische Neuerungen waren aber noch notwendig, damit der gläserne Christaumschmuck zu dem Phänonmen werden konnte, das er heute ist:

  • In London wurde 1850 eine Beschreibung veröffentlicht und ein Patent auf "die Anfertigung von Glasgefäßen mit innen versilberten hohlen Räumen zwischen den Seiten" angemeldet. Mit dieser ungiftigen Silbernitratlösung konnten die Kugeln nun von innen verspiegelt werden. Die innenwandige Verspiegelung wurde in den 1860er Jahren von gesundheitsgefährlichen Blei-Quecksilberlegierungen auf eine weit weniger gefährliche Silbernitratlösung umgestellt.

  • Nach der Errichtung eines Gaswerks im Jahr 1867 waren in Lauscha die technischen Voraussetzungen für eine Massenproduktion großer Formstücke gegeben.

Schon vor der Gründung des Gaswerks ist in Lauscha der erste gläserne Christbaumschmuck in Lampenarbeit geblasen worden, wie die Handelsbücher der Sonneberger Kaufleute beweisen. Er wurde zum ersten Mal im Jahr 1860 im Musterbuch der Sonneberger Verleger Ernst und Carl Dressel aufgeführt. Die kolorierten Lithographien zeigen Kugeln in allen Farben im Durchmesser von 2,5 bis 6 cm.

Um 1870 ging die Produktion mit verspiegelten Kugeln erst richtig los. Die Verspiegelung des Christbaumschmucks kam so sehr in Mode, dass schließlich bis um 1900 alle Formen verspiegelt wurden. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurden die Kugeln mit verschiedenen leichten Materialien wie Watte, Papier, Drähten, Chenillegirlanden, Wachs u.ä. verziert.

Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war eine enorme Vielfalt Formen, an "schillernden Phantasiesächelchen" - wie es in einem damaligen Reklametext hieß - zu haben: Trompeten, Glocken, Weihnachtsmänner, Engel, Häuser, Sonnen, Sterne, Kugeln mit reliefierten Oberflächen. Eiserne Kreuze, Zeppeline, Mienen und U-Boote kamen während des Ersten Weltkrieges auf.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam die Christbaumschmuckproduktion in Lauscha und den umliegenden Ortschaften recht langsam wieder in Gang. Viele Hersteller waren in die westlichen Sektoren, vor allem nach nach Neustadt, Coburg und Wertheim gezogen. In Thüringen wurden die alten Familienbetriebe verstaatlicht und 1959 zum 'VEB Thüringer Glasschmuck-Verlag' zusammengeschlossen. 1983 hatte die Genossenschaft etwa 500 Beschäftigte, davon etwa 200 Heimarbeiter.

Nach der Auflösung der DDR verkaufte die Treuhand AG 1991 den volkseigenen Betrieb "Thüringer Christbaumschmuck" und privatisierte das Unternehmen. Heute gibt es wieder mehr als 20 private Betriebe in Lauscha und den umliegenden Ortschaften, die Christbaumschmuck herstellen. Billiglohnländer wie Polen, die Tschechische Republik, Spanien und Asien sind starke Konkurrenten.

Christbaumschmuck im Verlagssystem

Mit der Entwicklung der Hausindustrie in Verbindung mit dem Verlagssystem seit dem 18. Jahrhundert veränderten sich die Lebensbedingungen der Menschen im glasverarbeitenden Gewerbe grundlegend. Die Verleger hatten die Möglichkeit, ohne eigenes Risiko Preis und Absatz des Christbaumschmucks nicht nur zu beeinflussen, sondern auch zu kontrollieren. Die Lampenglasbläser waren total abhängig von ihnen.

Die hausindustrielle Produktion von Christbaumschmuck im Verlagssystem wurde rasch zum bestimmenden Wirtschaftsfaktor in der glasverarbeitenden Industrie in der Region um Lauscha. Die Bevölkerung hatte sich nach der Inbetriebnahme der Gasanstalt 1867 in Lauscha weitgehend auf die Massenproduktion von Christbaumschmuck spezialisiert. Die Konkurrenz untereinander war groß, die Überproduktion eine Gefahr und die hohe Spezialisierung machte krisenanfällig.

Die Herstellung von Christbaumschmuck war Saisonarbeit. Der Lampenglasbläser stellte als selbständiger Gewerbetreibender den Christbaumschmuck her und gab seine Produkte an einen Großkaufmann, den sogenannten Verleger, in Sonneberg ab. Der Verleger organisierte den internationalen Handel und Verkauf. In Sonneberg waren auch große Kontorhäuser amerikanischer Kaufhauskonzerne wie Woolworth, die schon im 19. Jahrhundert des Export in die USA besorgten.

Wirtschafts- und Sozialstruktur

Die Existenzgrundlage der Hausindustriellen war oft nur gesichert, wenn sich alle Familienangehörigen in Arbeitsteilung an der Produktion beteiligten. Die Not und Armut zwang die Familien mit mehreren Kindern und den Großeltern auf engstem Raum zusammen zu leben und zu arbeiten. Die Bereits 1885 wurde in den Sonneberger Handelsberichten festgestellt, dass infolge der Überproduktion die Preise um 20% bis 50% gesunken waren und die Löhne immer wieder unter das Existenzminimum sanken.

Die Lebensgrundlagen waren oft nur gesichert, wenn sich alle Familienangehörigen an der Produktion beteiligten. Eine Statistik sagt aus, dass im Jahr 1913 78% aller Schulkinder von Lauscha und Umgebung in die Produktion miteinbezogen wurden. Zu den Arbeitsmethoden erklärte ein Zeitgenosse: "Das Eintönige der Arbeit erzeugt eine mechanische Geschicklichkeit und Ausbildung, die der Schnelligkeit zu Gute kommt."

Bis in die 1930er Jahre waren etwa 95% der glasverarbeitenden Bevölkerung Hausindustrielle. Staub, Dämpfe, die Enge, die warme, stickige, feuchte Luft, durchzogen vom Geruch des Gases und der Chemikalien brachte viele Berufskrankheiten mit sich: Kurzsichtigkeit, Rheuma, Schwerhörigkeit, Atemwegs- und Hautkrankheiten, usw.

Quelle:www.glasmuseum-rheinbach.de

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